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December 03, 2002 God in the Constitution The Austrian news magazine "Profil" deals in this article with the question if Christianity is part of the common European fundament - and therefore needs to have its place in the future European Constitution. [in German only]
„Grüß Gott in der EU“
Braucht die EU-Verfassung christliche Wurzeln und einen Gott? Ein letzter Kampf ums Abendland.
Von Robert Treichler
Die Existenz Gottes ist zwar umstritten, das hindert seine Fans aber nicht daran, ihn im Bedarfsfall hochleben zu lassen. Hip-Hop-Sänger bedanken sich bei ihm für Grammy Awards, ÖVP-Generalsekretärinnen für Wahlsiege, und Gott lässt es geschehen und zürnt den Schwarzen aller Hautfarben nicht. Jetzt soll der Allmächtige neue Kompetenzen zugeteilt bekommen: Nach dem Wunsch christlicher Europa-Politiker sowie des Heiligen Vaters im Vatikan möge er das Fundament der EU-Verfassung mittragen helfen, die eben getextet wird.
Doch damit laufen Gott und seine irdischen Heerscharen märtyrerhaft in den Zirkus säkularer Politik. Denn der Schöpfer und sein christliches Abendland gelten in laizistischen Staaten wie Frankreich und den Niederlanden als politische Leichen. Der Religionskrieg kann beginnen.
Johannes Paul II. drücken angesichts der fortschreitenden Verfassungsgebung der Europäischen Union arge Sorgen. Während seine Vorgänger noch die Oberaufsicht über das Heilige Römische Reich innehatten, muss der aktuelle Pontifex beim europäischen Einigungsprozess machtlos zusehen. Also urgierte er Ende Oktober bei einem Treffen mit dem Vorsitzenden des Verfassungs-Konvents, Valéry Giscard d’Estaing, die christlichen Wurzeln Europas mögen in der Verfassung berücksichtigt werden. Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro-Valls lieferte die handfesten Argumente: Die Christen stellten schließlich die Mehrheit in den europäischen Ländern.
Während Giscard d’Estaing nach der Papst-Audienz vorsichtig zugestand, die Anliegen des obersten Katholiken würden „in gewisser Weise“ berücksichtigt werden, arbeiten christlich-konservative Abgeordnete des Europäischen Parlaments längst an gottesfürchtigen Formulierungen. Der aktuelle Diskussionsvorschlag der Europäischen Volkspartei lautet: „Die Werte der Union beinhalten die Werte derer, die an Gott als Quelle der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des Guten und der Schönheit glauben, wie auch derer, die diesen Glauben nicht teilen, aber diese universellen Werte aus anderen Quellen abgeleitet respektieren.“
Der Terminus „Gott“ gibt immerhin Ein-Gott-Gläubigen jüdischer und moslemischer Konfession das Gefühl, neben der christlichen Mehrheit miterwähnt zu werden. Die stramm katholischen Abgeordneten aus Irland, Polen und Bayern befürworten eine noch deutlichere Präzisierung. Für sie ist und bleibt Europa eine „christlich-abendländische Wertegemeinschaft“, und dies soll auch in der Präambel der EU-Verfassung festgeschrieben werden. „Wer aber diese christlich-abendländische, freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht nachdrücklich bejaht, kann darin keinen Platz finden“, schreibt Ingo Friedrich, Europa-Abgeordneter der CSU, auf der Website seiner Fraktion, deren Begrüßungstext keine Fragen offen lässt: „Grüß Gott in der EU.“
Doch auch innerhalb der Europäischen Volkspartei gibt es Bedenken gegen allzu forsche Christianisierungstendenzen. Reinhard Rack, EU-Abgeordneter der ÖVP, hält die Formulierung „geistig-religiöses Erbe“ aus der Grundrechts-Charta für die wahrscheinlichste Kompromisslösung. Diese würde auch einem eventuellen Beitritt der Türkei nicht im Wege stehen, so Rack. Ein Weglassen jeglicher Nennung der religiösen Realitäten Europas wäre hingegen, so der konservative Abgeordnete, „gegen den Kompromiss-Geist des Konvents“.
Der grüne EU-Abgeordnete Johannes Voggenhuber, ein Verfechter der Trennung von Kirche und Staat, hält die Diskussion um christliche Wurzeln für einen „seltsamen Vaterschaftsprozess“. Immer wieder werde von christlicher Seite versucht, einen Universalanspruch auf europäische Errungenschaften anzumelden, obwohl viele Werte wie Demokratie, Menschenrechte oder Meinungsfreiheit „in heftigem Kampf gegen das Christentum“ durchgesetzt worden seien, so Voggenhuber.
Die Kirchen wittern dagegen gefährlichen Laizismus, wenn ihr Beitrag zur europäischen Geschichte unerwähnt bleibt, oder, noch schlimmer, kritisiert wird. Als das EU-Parlament Anfang des Jahres etwa den Bericht „Frauen und Fundamentalismus“ verabschiedete, in dem auch die christlichen Kirchen Europas für die Unterdrückung der Frauen verantwortlich gemacht wurden, reagierte Kardinal Roberto Tucci im Namen des Vatikans heftig. Ein derartiger „laizistischer Fundamentalismus“, so Tucci, könnte schlimme Auswirkungen auf die Erstellung der europäischen Verfassung haben, insbesondere auf den Einfluss der Kirchen. Die EU muss sich vorsehen – Gottes Augen sind überall.
(Source: Profil, Nr. 49, 02.12.2002)
Information uploaded by Maarten Linden on December 03, 2002 01:20 PM
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